Exklusion braucht Niemand (außer Nazis).

Wir  müssen dringend über Inklusion reden. „Aber ich bin doch gar nicht behindert, somit auch nicht betroffen?“ Dies ist ein Irrtum. Wenn Menschen mit Behinderungen als Teil unserer Gesellschaft akzeptiert und tatsächlich  anerkannt werden sollen, dann darf das kein bloßes Lippenbekenntnis bleiben. Dies ist aber in weiten Teilen des Alltags, in unserer Gesellschaft, somit auch in der Politik, leider noch immer der Fall.

Was bedeutet Inklusion, welchen Stellenwert nimmt eine inklusive Gesellschaft ein?

Eine inklusive Gesellschaft schließt nicht aus, wie es in einer exklusiven der Fall wäre, auch separiert sie nicht. In diesen beiden Fällen findet kein Austausch, somit keine Kenntnis über die Bedürfnisse und die Belange anderer Gruppen statt, Verständnis, Toleranz und Respekt werden erschwert: Die Bunten und die Roten haben in ihrem Lebensalltag und ihrem Umfeld keine Berührungspunkte.

In einem exklusiven Gesellschaftssystem werden die Menschen mit Behinderungen von den Menschen ohne Behinderungen vollständig abgelehnt und als „unwert“ und „unvollkommen“ ausgegrenzt, sie befinden sich außerhalb des Kreises. Als historisches Beispiel hierzu wäre die Bezeichnung von geistig Behinderten im Mittelalter als "Schwachsinnige" zu nennen.

Seitdem hat sich einiges getan, aber wir befinden uns teilweise noch immer in einem separativen System. Ein Anzeichen dafür ist die heute leider noch immer gängige Praxis, Menschen mit Behinderungen in Heimen und Werkstätten „unterzubringen“, in Wirklichkeit: von den anderen abzugrenzen.

Dies entmündigt beide Gruppen gleichermaßen: Die ohne Behinderungen kennen in ihrem Alltag kaum Menschen mit Hinderungen und entwickeln so Berührungsängste, die Menschen mit Behinderungen werden vor den anderen versteckt. Das Gegenteil von gut ist eben gut gemeint. Es wird der einen Gruppe nicht zugetraut, mit Andersartigkeit umgehen zu können, und die andere Gruppe wird durch das Ausgrenzen noch ein weiteres Mal diskriminiert.

Integration geht bereits einen deutlichen Schritt nach vorne. Hierfür kann man das stückweise Eingliedern von Menschen mit Hinderungen im Rahmen von Sportveranstaltungen wie den Paralympics, auch Stadtfeste oder Veranstaltungen sozial orientierter Institutionen, Organisationen, Vereine und Unternehmen als Beispiel heranziehen.

Aber auch Integration ist nicht genug. Zum einen existieren Menschen mit Behinderungen nicht nur während Sportveranstaltungen oder irgendwelchen Charity-Events, zum anderen wird hierdurch noch immer sortiert. Menschen mit Behinderungen wollen am sozialen Leben gleichberechtigt teilnehmen, sie wollen und können ebenso arbeiten und ihre Lebenswelt bestimmen, wie Menschen ohne Behinderungen. Der eine mit stärkeren, der andere mit weniger starken Einschränkungen.

Leider mangelt es vielerorts an der Bereitschaft, die bestehenden Defizite in der Barrierefreiheit tatsächlich anzugehen. Weshalb arbeiten Behinderte in separaten Werkstaetten? Oft ist es möglich, inklusiv zu arbeiten. Es soll aber bitte bitte bloß keine Umstaende machen. Das kann so aber nicht funktionieren. Eine inklusive Gesellschaft respektiert die Belange ihrer Mitglieder, ohne zu diskriminieren.

Die Unsrige tut dies bis heute nicht. Wird gegen Diskriminierung aufbegehrt, wird abgewiegelt, es würde ja doch schon genug getan. Nun, dies ist nicht der Fall, wenn jemand ausgegrenzt wird, wie im aktuellen Fall des Abgeordneten Stefan Fricke (nachzulesen bei der  taz: http://www.taz.de/Barrieren-fuer-Rollstuhlfahrer/21146179/ ), dem eine Teilnahme an einer Reise in die Türkei nicht gewährt wurde, weil man sich nicht in der Lage sah, Barrierefreiheit zu gewährleisten.

Dass als Begründung, seinem Antrag nicht stattgegeben zu haben, von Seiten des Landtags die Kosten der zuvor "eigens" eingerichteten behindertengerechten Toilette aufgeführt wurden, ist ein Armutszeugnis und zeigt, wie wenig Inklusion bisher in den Köpfen vorhanden ist. Aber wie könnte es anders sein? Kann man von einer Generation, die Behinderte in ihrer eigenen Lebenswelt gar nicht kennt, Verständnis  erwarten? Erwarten nicht unbegrenzt - dennoch müssen wir es einfordern.

Piraten stehen für Vielfalt und Freiheit. Freiheit kann aber nur leben, wer die Möglichkeit dazu erhält. Es liegt also auch in unserer Verantwortung, für Barrierefreiheit und Inklusion zu kämpfen! "Zu teuer!" Dieses Argument dürfen wir nicht akzeptieren, denn es ist falsch. Es mangelt nicht an Geld, sondern an Verständnis.

Denn Behinderungen sucht man sich schließlich weder aus, noch kann man sich einfach dagegen entscheiden. Dann, wie vom Landtag in NRW demonstriert, Eigenleistung zu fordern und Mittel von staatlicher Seite mit dem Kostenargument zu verwehren, ist nicht zielführend. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Möglichkeiten der Teilhabe nicht nur nicht behindert werden, sondern Inklusion gefördert wird.

Noch ein ganz banales Beispiel, welches verdeutlicht, dass wir alle Inklusion brauchen und dass es gar nicht so schwer wäre, diese umzusetzen?

Bordsteinkanten. Warum gibt es die im Jahr 2014 überhaupt noch?
Die braucht kein Mensch (außer vielleicht Nazis), sie haben einfach keinen Sinn, welcher rechtfertigte, dass sie für die Allgemeinheit ein alltägliches Hindernis darstellen. Nicht nur für Rollstühle. Auch für Kinderwägen, Kinder, die gerade erst Radfahren gelernt haben, ältere und gehbehinderte Menschen, die Rollatoren benötigen. Oder einfach jeden, der einmal darüber gestolpert ist, ohne irgendwie sichtlich körperlich eingeschränkt zu sein.
Farbliche Markierungen würden völlig ausreichen und niemanden behindern. Plötzlich würden an Hauptverkehrsstraßen auch Fahrradwege viel einfacher zu realisieren und keine Kostenfrage mehr darstellen.

Ergo: Ein barrierefreierer und unfallärmerer Alltag für uns alle. 
Es wäre so einfach.... Wenn man wollte.

5 comments:

  1. Hm... ich glaube, wenn man Bordsteinkanten entfernen lässt, werden viele Autofahrer einfach auf dem Bürgersteig fahren.

    Ich weiß, klingt fies. Aber je nach sonstige Umstände halten auch farbliche Markierungen viele Autofahrer nicht davon ab, auf dem Fahrradweg zu fahren.

    Mal abhesehen davon dass es massivst viel Geld kosten würde, alle Bordsteinkanten Deutschlands zu entfernen bzw den Fußgängerbereich zu ebenen. Alternativ könnte man eher abgerundete Bordsteinkanten anbringen. Da kommt man mit dem Rad zwar auch nicht immer anständig hoch, wäre aber tendenziell realistischer (Wenn auch immernoch ein riesiges Bauvorhaben).

    Bei Kinderwagen frage ich mich, ob die wirklich so schwer sind, dass man die da nicht hoch kriegt? Ich glaub da machen öffentliche Verkehrsmittel eher Probleme, und selbst das klappt meistens

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    1. Manch LKW oder Auto lässt sich auch weder von Fenstern, Türen oder gar Hauswänden aufhalten, da hilft keine Kante... xD

      Im Ernst: Sie stellen ein unnötiges, weil keinen Mehrwert bringendes alltägliches Hindernis für uns alle dar. Wie das allzu strikte, auf wenige weniger behindernd wirkende andere Dinge ebenso tun. Beseitigen wir solche Barrieren, bewegen wir uns in Richtung inklusive Gesellschaft.
      Konservieren wir sie, handeln wir exklusiv.

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  2. Ich glaub immernoch nicht, dass das Entfernen von Bürgersteigen tatsächlich der Inklusion dient.

    Ich sag nicht, dass Bürgersteige dazu dienen, dass Autos nicht in Häuser krachen.
    Geh einfach davon aus: der durchschnittliche Autofahrer tendiert eher dazu, egoistisch zu denken. Also gucken, dass das Auto nicht kaputt geht, aber Gelegenheiten nutzen wenn sie sich bieten. Oder glaubst du im Feierabendverkehrt interessiert sich noch jemand für Geschwindigkeitsbegrenzungen?
    In der Fahrschule lernt man, sich dem Verkehr anzupassen. Also wenn alle 10-20 km/h zu viel fahren, musst du dich anpassen, um nicht von hinten doof angehupt zu werden. So als Beispiel. Es gibt nicht wenige die ein ausgeprägtes Territorialverhalten im Auto entwickeln und da munter über andere Verkehrsteilnehmer ablästern.

    Ja, wer es wirklich darauf anlegt, den halten auch Bürgersteige nicht ab.
    Vor allem da an jeder Seitenstraße diese ja so toll abgesenkt sind, damit Rollstuhlfahrer und Kinderwagen passieren können. Da macht man sich auch die Autoreifen nicht mit kaputt. (Zum Glück stehen auf Bürgersteigen noch genug Bäume, die sind etwas schwerer zu umgehen)

    Naja, hier steht Meinung gegen Meinung. Du gehst vom Positiven aus, ich sehe eher das Negative, also die Risiken die so etwas mit sich bringt und mehr Schadet als nützt. Das effektivste wäre es, wenn man Statistiken oder Studien dazu findet, welche Variante das Verhalten der Menschen am positivsten beeinflusst bzw. die geringsten Nachteile hat.
    Dann kann man überlegen ob es sich lohnt für so ein riesiges Bauvorhaben wirklich so viel Geld auszugeben. Das hat in etwa die Größenordnung von Flussbegradigungen oder vom Autobahnbau. Noch dazu wird es Jahrzehnte dauern. Und auf eine dauer von Monaten ist der Fußhängerweg dann weder von Rollstuhlfahrern noch von allen anderen zu benutzen. (Ich mag die Schilder nicht, wegen denen man die Straßenseite wechseln muss weil Baustellen es unmöglich machen) Zumindestens in diesem Zeitraum nimmt die Exklusion dann zu, und Rollstuhlfahrer haben noch größere Nachteile.

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  3. Der Stärkere hat in einer zivilisierten Gesellschaft Rücksicht auf den Schwächeren zu nehmen, nicht umgekehrt! Also der Schnellere auf den Langsameren, d.h. zuerst Fußgänger/Rollis etc, dann Fahrradfahrer, dann Kraftradfahrer und dann PKW, dann LKW (im Straßenverkehr hat neben der Geschwindigkeit auch die Masse und der Schutz (Blech) Gewicht, sprich, der, der im Falle eines Unfalles das höhere Gesundheitsrisiko trägt hat somit ein Anrecht auf Rücksichtnahme des anderen, der einen Vorteil in einem oder beiden Faktoren besitzt.
    Ähnlich was dieses Prinzip angeht: Der finanzstarke vs. finanzschwache, der gesunde vs. erkrankte, uneingeschränkte vs. eingeschränkte Mensch, ...diese Liste ließe sich endlos weiterführen.

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  4. was aber nicht heißt, dass der "Stärkere" auch in der Realität immer dem "Schwächeren" hilft

    Dafür gibt es ja Gesetze. Und so gesehen kann man auch behaupten, dass der Staat durch den Bau von Bürgersteigen die Fußgänger vor rücksichtslosen Autofahrern schützt.

    Wenn sich alle Menschensich so verhalten würden wie du es beschreibst bzw dir wünscht, bräuchte es sicher keine Bürgersteige. Viele Menschen handeln aber eher nach dem Motto "Gelegenheit macht Diebe". Theoretisch dienen somit Gesetze auch dazu, den Menschen vor sich selbst zu schützen.
    Und ab dem Zeitpunkt wird es kompliziert, denn dann kommen diese ganzen Stichworte wie Freiheit, Sicherheit, Mündigkeit, Entmündigung, erzieherische Maßnahme usw. ins Spiel.

    Manche würden auch behaupten, wenn alle Menschen die gleichen Rechte haben, darf auch keiner bevorzugt werden. Und das ist schwierig, weil es praktisch unmöglich ist alle Menschen gleich zu behandeln. Der Mensch ist viel zu subjektiv.

    Theorie (Ideal) und Praxis (Realität) klaffen da manchmal weit auseinander.

    Und ich behaupte halt, dass die Theorie mit den Bürgersteigen in der Praxis nicht zum gewünschten Ergebnis führen wird.
    (Ebenso wie anderen Z.B. behaupten, dass die Frauenquote eine Ungleichbehandlung sei und ebenfalls nicht zu dem Ergebnis führen wird, das sich die Beführworter wünschen. Würde ich sogar zustimmen. Jede noch so gut gemeinte Theorie kann in der Praxis von irgendwem ausgehebelt werden. Die Gesellschaft ist halt nicht homogen.)
    Nur weil eine Lösung einfach klingt, muss sie nicht richtig sein. Mit einfachen Lösungen lässt sich allerdings besser Politik machen, die kommt rhetorisch besser an.

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